„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)

Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk:

– 20.6.2026: Page-99-Test Gertrud Leutenegger von Sieglinde Geisel
– 22.6.2026: Der Zitronenfalter. Laudatio von Bernhard Echte
– 22.6.2026: Eine Geschichte von Gertrud Leutenegger. Auszug aus Gertrud Leuteneggers Roman Späte Gäste

Dieser Page-99-Test beruht auf einem leap of faith. Ich nehme den ersten Todestag von Gertrud Leutenegger zum Anlass für einen Page-99-Test, aber das geht natürlich nur, wenn der Test gut ausfällt. Da ich beim Page-99-Test nicht schummeln darf, indem ich mir aus einem der 17 Bücher von Gertrud Leutenegger eine besonders gelungene Seite 99 aussuche, könnte das Experiment auch schiefgehen.

Ich greife in meinem Bücherregal zu ihrem Debütroman Vorabend, der 1975 bei Suhrkamp erschienen ist, ein Exemplar der ersten Auflage. Schlägt man das Buch auf der Seite 99 auf, öffnet sich eine Doppelseite, und weil auf der Seite 98 die Erzählung neu einsetzt, erlaube mir eine kleine Änderung der Spielregeln: Ich nehme die Seite 98 mit dazu (das ist nicht Schummeln).

Durch ein Dorf im Veltlin laufen.

Dieser Satz versetzt uns an den Ort des Geschehens. Die Ich-Erzählerin (oder ist es ein Erzähler?) betrachtet die Szenerie. Auf dem Dorfplatz steht ein „monumentaler hässlicher Stein mit den Namen der Kriegsgefallenen, ein erratischer Block in diesen Nachmittagen“ (sehr exquisit, die Formulierung mit den Nachmittagen). Die Ich-Erzählerin denkt über die Bewohner nach, eine kleine Bar fällt ihr auf, „die ein schwaches grünliches Licht erhellt“, sobald die Nacht einfällt. Sie sieht einen alten Mann auf einer Steintreppe sitzen, der die Lappen um sein aufgedunsenes schwarzes Bein aufwickelt; wie man später erfährt, heißt er Vittorio.

Diese Doppelseite ist durch einen überraschend wirkungsstarken Kunstgriff rhythmisch grundiert: durch Fragen ohne Fragezeichen.

Was versteckt sich hinter den Gewohnheiten dieser Menschen, die wortkarg in den abschüssigen Gassen verschwinden, unter den Hauseingängen zusammenstehen oder an die Friedhofmauer gelehnt warten.

Was war das: der Krieg, ein unsichtbarer Flammenherd unten in den Tälern, der gierig bis in diese Abgelegenheit seine Flammenspitzen streckte.

Was sitzt der Mann dort auf der Steintreppe.

Ist das Altersbrand.

Eine bückt sich jetzt nach ihrem Häufchen Wäsche und grüßt, eh Vittorio, sagt sie, du machst es wohl auch nicht mehr lange.

tut es weh

wo krümmen sich die Namen der Gefallenen

Durch diese Art des Nicht-Fragens entsteht ein eigener sprachlicher Kosmos. Es ist eine Form der Anschauung, des Innehaltens. Ein Stilmittel, das zeigt, was Sprache kann – was die Autorin kann.

Auch dort, wo sie die Regel bricht. Denn auf die Nicht-Frage „Ist das Altersbrand“ folgt eine Frage und ein Ausruf:

Sieht fortgeschrittenster Altersbrand so aus? Geht denn hier niemand zu einem Arzt!

Eine virtuos gesetzte Lücke: Wir wissen jetzt, wie schrecklich das Bein aussieht, ohne dass die Autorin es beschreiben muss. Der Ausruf, samt Ausrufezeichen, schreckt die Lethargie der Szenerie auf, aber nur für einen Moment.

***

Wie gezielt Gertrud Leutenegger in ihrer Prosa mit dem Rhythmus arbeitet, zeigt der letzte Satz dieser Doppelseite. Sieben Zeilen zuvor wird das Motiv ein erstes Mal ausgesprochen:

Il male sta con le persone

Das Böse steckt in den Menschen, sagt eine Frau, sie schaut die Ich-Erzählerin an „mit bewegungslosen ernsten Augen“. Der Satz, in dem der Krieg nachhallt, wird selbst zum Echo:

il male, Vittorio, il male sta con le persone con le persone con le persone

So verhallt das Echo des Bösen am Ende der Seite, das Böse, das durch den erratischen Block mit den Namen der Gefallenen im Dorf präsent ist und jede Idylle verhindert.

***

Auch in der Wortwahl gibt es nichts Zufälliges. Wie immer erkennt man die stilistische Brillanz an den Adjektiven und Adverbien. Der Stein mit den Namen der Gefallenen wird von den Bewohnern „in Erbitterung und frömmlerischer Verehrung“ umkreist. Der Krieg erscheint als „unsichtbarer Flammenherd“, der „seine Flammenspitzen“ gierig ausstreckt bis in diese „Abgelegenheit“. In der kleinen Bar „blüht für kurze Stunden ein leichtsinniger Dorftratsch auf“. Dann jedoch kreisen die Gespräche wieder „unabwendbar um die Monotonie von Tod und Geburt und Hochzeit und Krieg“ (Rhythmus!). Vittorios Hände, Kleider, Schläfen, Haar sind „gleichermaßen durchfurcht und vergraut“. Ein paar Frauen bleiben stehen, „gelassen und verschwiegen“.

Ich könnte diese beiden Seiten abschreiben, Wort für Wort. Jedes Wort lohnt die Mühe.

Wenn auch unten auf der Seite ein Gemeinplatz aus der Serie „irgendwo bellte ein Hund“ auftaucht, der einzige Schönheitsfehler auf dieser Doppelseite:

irgendwo gackerte ein aufgeschrecktes Huhn


Angaben zum Buch

Gertrud Leutenegger
Vorabend
Roman
Suhrkamp Verlag 1984 · 208 Seiten · 15 Euro
ISBN: 978-3518371428

Bei Eichendorff21 oder im lokalen Buchhandel


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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

3 Kommentare

  1. Frank Heibert 20. Juni 2026 um 13:43

    Wie so oft ein sehr aufschlussreicher, lehrreicher Page-99-Test, vielen Dank! Beobachtungs- und Beschreibungsgabe der Autorin unter einem Brennglas, nicht von irgendeiner Handlung ins dekorative Auch-Dabei verdrängt — das lässt sich eben mit einem Page-99 besser erkennen. Einen kleinen Einwand habe ich aber. Das gackernde Huhn, der eine Schönheitsfehler (kritikertypisch als abschließende Aber-Pointe gesetzt) — ich teile die Allergie gegen den irgendwo bellenden Hund, der unter Übersetzer:innen mittlerweile zum Insiderjoke geworden ist, weil er in der angelsächsisch-amerikanischen Literatur so gern als Zäsur oder Pausenfüller eingesetzt wird. Hier jedoch gibt es zwei wichtige Unterschiede, die zumindest bei mir die Allergie verhindert haben: das aufgeschreckt gackernde Huhn ist inhaltlich nicht so verbraucht wie der bellende Hund, es passt konnotativ auch in die ländliche Szenerie; vor allem aber ist es Teil des rhythmischen Aufbaus im letzten Satz. Der zentrale Satz „Il male sta con le persone“ hallt nach, wird am Schluss wiederholt, vor allem die Aussage, dass die Menschen das Problem sind, le persone; und dazwischen, verzögernd, den Hallraum wie in einem Kameraschwenk kurz mit drei Tupfern skizzierend, öffnet sich die Tiefe des Abgrunds dieser Szene, ausgestorbenes Dorf, schwere Hitze, gackerndes Huhn. Hier hat der eine lebendige Laut am ausgestorbenen Ort eine klare Funktion. In der Versatzstückverwendung, die allergisch macht, kriegt der bellende Hund einen eigenen Satz, manchmal sogar einen eigenen Absatz, wird aufgepumpt, bedeutungheischend, aber bedeutungslos — ein situatives Klischee beansprucht Besonderheitscharakter. Das macht das englische Versatzstück so ärgerlich. Dafür allerdings kann die fabelhafte Gertrud Leutenegger nichts. Die Teilanalogie ihres Huhns zum Klischeehund lässt reflexhaft „Schönheitsfehler“ denken, aber auch solche Reflexe wollen am Text überprüft sein, und hier erscheint er mir voreilig, das urteilende Etikett nicht zutreffend.

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  2. Vielen Dank, lieber Frank, für das Weiterschreiben meines Tests. Ich kann mich deiner Kritik gerne anschließen: Das Huhn ist in der Tat noch halbwegs frisch, und vielleicht hat Gertrud Leutenegger auch unbewusst an die Schweizer Redewendung „es gschtobes Huen“ gedacht, wobei das eher eine Bezeichnung für eine hysterische Frau ist, die herumwuselt wie ein aufgescheuchtes (oder eben „aufstiebendes“) Huhn.
    Und ich stimme dir zu: Rhythmisch brauchte es in dem Satz noch was.

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  3. Margarete Schwind 20. Juni 2026 um 22:04

    wow. da lernt man echt was…großartige 98f und so gut auf den punkt erklärt,wieso das gut ist. Dem ungarischen Jungenie empfohlen. Seinen Erstling musste ich weit vor S. 99 weglegen.

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